Das Nibelungenlied – Liebe, Verrat und Rache
Das Nibelungenlied gehört zu den großen Dichtungen des europäischen Mittelalters. Es ist ein Heldenepos voller Glanz, Leidenschaft, Macht, Treue, Verrat und Untergang. Entstanden ist der heute bekannte Text um 1200, niedergeschrieben in mittelhochdeutscher Sprache von einem unbekannten Dichter. Die Geschichte selbst ist jedoch deutlich älter. Sie greift mündliche Überlieferungen, Sagenstoffe und Erinnerungen an die Zeit der Völkerwanderung auf und formt daraus ein Werk, das bis heute fasziniert.
Im Mittelalter wurde das Nibelungenlied nicht still gelesen, sondern vorgetragen. Man kann sich gut vorstellen, wie Zuhörer an Fürstenhöfen oder in adeligen Kreisen den Aventiuren, also den einzelnen Erzählabschnitten, lauschten: zuerst der glänzenden Welt von Worms am Rhein, dann den Heldentaten Siegfrieds, der Liebe Kriemhilds, dem Streit der Königinnen, dem Mord am Helden und schließlich der furchtbaren Rache, die fast alle Beteiligten in den Tod führt.
Das Werk ist aber mehr als eine spannende Sage. Es zeigt zentrale Werte und Konflikte des Mittelalters: Ehre, Gefolgschaft, Verwandtschaft, Macht, Rang, Treue und Vergeltung. Gerade weil im Nibelungenlied niemand völlig unschuldig bleibt, wirkt die Geschichte so stark. Aus kleinen Kränkungen entstehen große Katastrophen.
Aus Liebe wird Hass. Aus Treue wird blinde Gefolgschaft. Und am Ende steht nicht die Rettung, sondern die Klage über eine Welt, die an Stolz, Gewalt und Rache zugrunde geht.
Worms – der Hof der Burgunden

Die Geschichte beginnt in Worms am Rhein. Dort herrschen die burgundischen Könige Gunther, Gernot und Giselher.
Bei ihnen lebt ihre Schwester Kriemhild, eine junge Königstochter von außergewöhnlicher Schönheit.
Schon früh träumt sie von einem Falken, den sie aufzieht und der ihr von zwei Adlern zerrissen wird. Ihre Mutter deutet den Traum: Der Falke sei ein edler Mann, den Kriemhild lieben werde, aber verlieren müsse.
Kriemhild erschrickt und schwört zunächst, niemals zu lieben. Doch das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Zur gleichen Zeit lebt am Niederrhein ein junger Held: Siegfried von Xanten. Er ist stark, mutig, reich und berühmt. Schon vor seinem Auftreten in Worms hat er gewaltige Taten vollbracht.
Er hat einen Drachen getötet und in dessen Blut gebadet, wodurch seine Haut unverwundbar wurde.
Nur eine kleine Stelle zwischen den Schulterblättern blieb verwundbar, weil dort ein Lindenblatt auf seiner Haut gelegen hatte.
Außerdem hat Siegfried den Schatz der Nibelungen gewonnen, einen unermesslichen Hort aus Gold, und besitzt eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar machen und seine Kräfte vervielfachen kann.
Als Siegfried von Kriemhilds Schönheit hört, macht er sich nach Worms auf. Dort tritt er zunächst selbstbewusst und fast herausfordernd auf, doch bald wird er am burgundischen Hof aufgenommen. Er hilft den Königen in Kämpfen und gewinnt Ansehen. Kriemhild sieht ihn aus der Ferne, Siegfried liebt sie, doch die Verbindung kommt erst zustande, als Gunther selbst eine gefährliche Brautwerbung plant.
Gunther, Brünhild und Siegfrieds Hilfe

Gunther will Brünhild zur Frau gewinnen, eine Königin von übermenschlicher Kraft, die auf Island herrscht. Sie akzeptiert nur den Mann als Gatten, der sie in drei Kampfspielen besiegt. Wer scheitert, verliert sein Leben. Gunther weiß, dass er ihr allein nicht gewachsen ist. Deshalb bittet er Siegfried um Hilfe. Siegfried willigt ein, allerdings unter einer Bedingung: Wenn Gunther Brünhild gewinnt, soll Siegfried Kriemhild zur Frau erhalten.
Mit Hilfe der Tarnkappe unterstützt Siegfried Gunther heimlich bei den Wettkämpfen. Brünhild glaubt, Gunther habe sie besiegt, und folgt ihm nach Worms. Dort werden zwei Hochzeiten gefeiert: Gunther heiratet Brünhild, Siegfried heiratet Kriemhild. Für einen Moment scheint alles glücklich. Worms glänzt im Fest, die Helden sind vereint, die Königinnen stehen nebeneinander.
Doch Brünhild wundert sich. Sie hält Siegfried für Gunthers Gefolgsmann und kann nicht verstehen, warum Kriemhild, die Schwester des Königs, mit einem vermeintlich niedrigeren Mann verheiratet wurde. Außerdem verweigert sie Gunther in der Hochzeitsnacht die eheliche Gemeinschaft und überwältigt ihn mit ihrer Kraft. Wieder muss Siegfried helfen. Unsichtbar ringt er Brünhild nieder, nimmt ihr Ring und Gürtel ab und bricht damit symbolisch ihre übermenschliche Stärke. Gunther wird als Ehemann anerkannt, aber das Geheimnis bleibt gefährlich.
Der Streit der Königinnen
Jahre vergehen. Siegfried und Kriemhild leben in Xanten, bekommen einen Sohn und führen ein königliches Leben. Doch die ungelösten Fragen um Rang, Ehre und Wahrheit bleiben bestehen. Als Siegfried und Kriemhild später wieder nach Worms kommen, bricht der Konflikt offen aus.
Vor dem Dom geraten Kriemhild und Brünhild in Streit. Es geht darum, welche von beiden zuerst die Kirche betreten darf. Hinter dieser scheinbar kleinen Frage steht ein großer Rangkonflikt: Wer ist höher gestellt? Brünhild behauptet, Kriemhild sei nur die Frau eines Dienstmannes. Da verliert Kriemhild die Beherrschung. Sie verrät, dass nicht Gunther, sondern Siegfried Brünhild einst besiegt habe. Als Beweis zeigt sie Ring und Gürtel, die Siegfried damals an sich genommen und ihr später gegeben hatte.
Für Brünhild ist das eine unerträgliche Demütigung. Gunthers Ehre ist beschädigt, Brünhilds Stolz verletzt, und am Hof entsteht eine Krise. Siegfried beteuert zwar, sich nicht schuldig gemacht zu haben, doch der Schaden ist angerichtet. Nun tritt Hagen von Tronje in den Vordergrund, Gunthers mächtigster Gefolgsmann. Er ist klug, hart, treu gegenüber den Burgunden — und gefährlich.
Der Mord an Siegfried

Hagen überzeugt Gunther, dass Siegfried sterben müsse. Solange Siegfried lebt, so seine Logik, bleiben Schande und Gefahr bestehen. Gunther zögert, aber er widersetzt sich nicht entschieden. Damit beginnt der Verrat.
Hagen nähert sich Kriemhild unter dem Vorwand, Siegfried schützen zu wollen. Er entlockt ihr das Geheimnis von Siegfrieds einziger verwundbarer Stelle. Kriemhild, die ihrem Mann helfen will, näht ein kleines Kreuz auf Siegfrieds Gewand, damit Hagen ihn im Kampf beschützen könne. Was sie als Zeichen der Fürsorge meint, wird zum Todeszeichen.
Bei einer Jagd im Odenwald wird Siegfried in eine Falle gelockt. Als er sich an einer Quelle niederbeugt, um zu trinken, stößt Hagen ihm den Speer in den Rücken, genau an der verwundbaren Stelle. Siegfried stirbt, verraten von den Männern, denen er vertraut hatte. Sein Leichnam wird heimlich vor Kriemhilds Tür gelegt.
Kriemhild erkennt sofort, dass es Mord war. Beim Gottesurteil der Bahrprobe beginnt Siegfrieds Wunde erneut zu bluten, als Hagen sich dem Toten nähert. Für Kriemhild ist damit klar, wer der Mörder ist. Von nun an lebt sie nicht mehr für Liebe, sondern für Rache.
Kriemhilds Trauer und der Nibelungenschatz
Kriemhild bleibt zunächst in Worms. Sie trauert um Siegfried und wird immer einsamer. Der Nibelungenschatz, den Siegfried ihr hinterlassen hat, kommt nach Worms. Mit seinem Reichtum gewinnt Kriemhild Anhänger und Einfluss. Hagen erkennt die Gefahr. Er fürchtet, dass Kriemhild den Schatz nutzen könnte, um Rache zu organisieren. Deshalb nimmt er ihr den Hort weg und versenkt ihn im Rhein. Der Schatz verschwindet, doch Kriemhilds Hass bleibt.
Viele Jahre später wirbt Etzel, der mächtige Hunnenkönig, um Kriemhild. Sie zögert zunächst, denn Siegfried bleibt ihre große Liebe. Doch dann erkennt sie in dieser Ehe eine Möglichkeit: Als Königin an Etzels Hof hätte sie Macht, Gefolgsleute und vielleicht irgendwann die Gelegenheit zur Rache. Sie heiratet Etzel und zieht in sein Reich.
Die Einladung ins Hunnenland
Kriemhild wartet lange. Dann lädt sie ihre Brüder und die Burgunden an Etzels Hof ein. Offiziell ist es eine Versöhnung und ein Fest. In Wahrheit plant Kriemhild den Untergang der Männer, die Siegfrieds Tod ermöglicht haben. Hagen ahnt die Gefahr. Er warnt vor der Reise, doch die Burgunden wollen sich nicht feige zeigen. Gunther, Gernot, Giselher, Hagen und viele Krieger brechen auf.
Schon unterwegs liegt Unheil in der Luft. Hagen erfährt von Wasserfrauen, dass die Reise tödlich enden werde. Nur der Kaplan werde lebend zurückkehren. Hagen versucht sogar, diese Weissagung zu widerlegen, indem er den Kaplan ins Wasser stößt. Doch der Geistliche überlebt. Damit weiß Hagen: Die Warnung ist wahr.
Der Untergang der Burgunden

Am Hof Etzels kommt es zunächst zu angespannten Begegnungen. Kriemhild fordert von Hagen den Nibelungenschatz zurück, doch Hagen verweigert jede Auskunft. Die Feindschaft ist offen. Bald eskaliert die Lage. Kriemhild hetzt Krieger gegen die Burgunden auf, doch diese wehren sich erbittert. Aus dem Fest wird ein Blutbad.
Die Kämpfe am Hunnenhof steigern sich immer weiter. Saal um Saal, Angriff um Angriff, fallen Helden auf beiden Seiten. Die Burgunden verteidigen sich verzweifelt, aber ihre Lage ist aussichtslos. Auch Rüdiger von Bechelaren, einer der edelsten und tragischsten Figuren des Epos, wird in den Konflikt hineingezogen. Er ist Kriemhild verpflichtet, hat den Burgunden aber Freundschaft und Gastfreundschaft erwiesen. Am Ende muss er gegen sie kämpfen und stirbt.
Schließlich bleiben nur noch Gunther und Hagen übrig. Dietrich von Bern, eine weitere große Heldengestalt, überwältigt die beiden und liefert sie Kriemhild aus. Nun steht Kriemhild vor dem Ziel ihrer Rache. Sie verlangt von Hagen erneut den Schatz. Hagen erklärt, er werde das Versteck niemals verraten, solange einer seiner Herren noch lebt. Daraufhin lässt Kriemhild ihren Bruder Gunther töten. Doch Hagen schweigt weiter. Jetzt, da alle seine Herren tot sind, sagt er, kenne nur noch er das Geheimnis — und er werde es niemals preisgeben.
Da greift Kriemhild selbst zum Schwert und tötet Hagen. Für einen Moment scheint ihre Rache vollendet. Aber die Tat überschreitet eine Grenze. Hildebrand, ein alter Waffenmeister, ist entsetzt, dass eine Frau einen gefesselten Helden erschlagen hat. Er tötet Kriemhild. Damit endet auch ihr Weg.
Das Ende: eine Klage

Am Schluss sind fast alle tot: Siegfried, die Burgunden, Hagen, Gunther, Rüdiger, Kriemhild und unzählige Krieger. Was als Geschichte von Schönheit, Liebe und höfischem Glanz begann, endet in Vernichtung.
Das Nibelungenlied ist deshalb keine einfache Heldensage, in der das Gute siegt und das Böse bestraft wird. Es ist eine Tragödie. Jeder Schritt der Handlung entsteht aus menschlichen Entscheidungen: Stolz, Ehrgefühl, Schweigen, Lüge, Treue, Rache.
Gerade darin liegt seine bleibende Kraft. Das Nibelungenlied erzählt von einer Welt, in der Ehre wichtiger ist als Versöhnung und Rache stärker wird als Liebe. Es zeigt, wie zerstörerisch verletzter Stolz sein kann und wie eine Tat die nächste hervorbringt, bis niemand mehr den Lauf der Gewalt aufhalten kann.
Für Reisende auf der Nibelungenstraße ist diese Geschichte mehr als literarischer Hintergrund. Sie gibt der Route eine besondere Tiefe.
Worms, der Rhein, der Odenwald und die Landschaften entlang der Straße werden zu Erinnerungsräumen einer Sage, die seit Jahrhunderten weitererzählt wird.
Wer die Nibelungenstraße bereist, folgt deshalb nicht nur einer Ferienstraße. Er bewegt sich durch eine der großen Erzählungen Europas.
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