Geldbeutelwaschen im Fischbrunnen

Geldbeutelwaschen im Fischbrunnen

Geldbeutelwaschen im Fischbrunnen

Aschermittwoch am Marienplatz: Warum Münchner ihre Geldbeutel im Fischbrunnen baden

Ein Ritual zwischen Katerstimmung und Aufbruch

Am Aschermittwoch ist die närrische Zeit vorbei – doch in München wird an diesem Tag noch einmal richtig aufgefahren: Beim Geldbeutelwaschen am Fischbrunnen auf dem Marienplatz. Was von außen wie ein skurriles Spektakel aussieht, ist ein jahrhundertealter Brauch, der Humor, Hoffnung und ein gutes Stück Münchner Selbstironie verbindet.

Wer mittags am Brunnen steht, merkt schnell: Hier treffen sich Faschingsfans mit leichten Katererscheinungen, Büroangestellte in der Mittagspause und Touristinnen mit Kamera um den Hals. Zwischen winterlichen Jacken blitzen immer wieder bunte Faschingsorden auf – ein letztes Echo der närrischen Tage.

Ein Blick zurück: Ursprung im 15. Jahrhundert

Die Tradition des Geldbeutelwaschens geht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Der Hintergrund war damals wenig romantisch: Nach der ausgelassenen Faschingszeit waren die Beutel der einfachen Leute schlicht leer. Man sagt, sie hätten ihre Geldkatzen im Wasser gereinigt, um symbolisch die Armut abzuwaschen und darauf zu hoffen, dass sich der Beutel im Lauf des Jahres wieder füllt.

In München hat sich der Fischbrunnen als zentraler Ort dieses Brauchs etabliert. Schon seit dem Mittelalter war er Treffpunkt und Versorgungsquelle – und wurde damit zur Bühne für Rituale, die den Alltag der Stadtbevölkerung prägten.

Eine beliebte Anekdote unter Stammgästen erzählt von einem bekannten Handwerker, der jedes Jahr seinen verschlissenen Ledergeldbeutel wäscht – und schwört, dass ihm „seit 30 Jahren nie ganz das Geld ausgegangen“ sei. Ob das nun am Brunnen liegt oder an seinem Fleiß, bleibt offen – aber die Geschichte wird am Rand des Beckens gern weitererzählt.

Was bedeutet das Geldbeutelwaschen heute?

Heute steht das Ritual weniger für bittere Armut, sondern für einen augenzwinkernden Neuanfang nach den närrischen Tagen. Indem Geldbeutel, Kartenetuis und manchmal auch gleich die ganze Handtasche ins Brunnenwasser getaucht werden, soll das kommende Jahr finanziell besser laufen – für jede einzelne Person, aber auch ganz offiziell für die Stadtkasse.

Symbolisch wäscht man damit die „Pleite“ der Faschingszeit weg und schafft Platz für neue Einnahmen. Gleichzeitig markiert das Geldbeutelwaschen den Übergang von der ausgelassenen Faschingszeit zur ruhigeren Fastenzeit. Die Botschaft: Jetzt wird’s wieder etwas ernster – aber mit einem Augenzwinkern.

Typisch sind kleine Alltagsszenen: Eine junge Mutter, die ihr Kind den eigenen Mini-Geldbeutel ins Wasser tauchen lässt („Damit dein Sparschwein nie leer ist“), ein Tourist, der zuerst zögert – und dann doch lachend seine Kreditkarte kurz eintunkt. Und fast jedes Jahr gibt es jemanden, der vor lauter Eifer fast das Handy mit baden schickt.

Wer macht mit – und wer führt an?

Im Mittelpunkt des Geschehens steht traditionell der Oberbürgermeister oder die Oberbürgermeisterin der Stadt München. Vor laufenden Kameras und dicht gedrängtem Publikum wird der städtische Geldbeutel – sinnbildlich für die gesamte Stadtkasse – im Fischbrunnen gewaschen.

Unterstützt wird das Ganze von Narrenzünften, Faschingsgesellschaften und dem „ausgedienten“ Prinzenpaar der abgelaufenen Saison, das sich mit dem Ritual offiziell verabschiedet. Oft sind auch Gardemädchen, Musiker und viele Ehrenamtliche dabei, die den Brauch lebendig halten.

Ein wiederkehrender Moment, auf den viele warten: Wenn der Oberbürgermeister mit einem lockeren Spruch zur städtischen Finanzlage ansetzt – mal scherzhaft optimistisch, mal mit einem Seitenhieb auf das aktuelle Haushaltsloch. Dieser Humor gehört fest zum Flair des Rituals.

So läuft das Ritual ab

Gefeiert wird am Aschermittwochmittag direkt am Fischbrunnen auf dem Marienplatz. Schon vor Beginn versammeln sich Schaulustige, Touristinnen und Touristen sowie Stammgäste des Brauchs rund um den Brunnen. Wenn der Oberbürgermeister eintrifft, begleitet von Vertretern der Stadt und der Faschingsgesellschaften, beginnt der offizielle Teil.

Nach einer kurzen Ansprache – meist mit humorvollem Rückblick auf die vergangene Faschingssaison und augenzwinkernden Bemerkungen zur städtischen Finanzlage – wird der Geldbeutel der Stadt ins Brunnenwasser getaucht. Manchmal werden gleich mehrere Beutel oder symbolische Kassen gewaschen, um die „rosige finanzielle Zukunft“ Münchens zu sichern.

Im Anschluss sind die Narrenzünfte und schließlich das Publikum an der Reihe. Viele nutzen die Gelegenheit für Fotos, andere kommen jedes Jahr aus Tradition. Nebenan erklärt eine ältere Münchnerin zwei jungen Rucksackreisenden, wie das Ganze funktioniert – „aber g’scheit eintauchen, sonst hilft’s nix“.

Der Ablauf ist nicht streng reglementiert – genau das macht den Charme des Rituals aus: ein fröhliches, aber kurzes Innehalten im Alltag, mitten in der Innenstadt.

Mehr als ein Gag: Ein Stück Münchner Identität

Auch wenn das Geldbeutelwaschen auf den ersten Blick wie eine touristische Attraktion wirkt, steckt mehr dahinter. Der Brauch verbindet historische Wurzeln mit moderner Stadtkultur und macht sichtbar, wie lebendig Tradition in München bis heute ist.

Zwischen Faschingskater, Jahresbudget und Alltagshektik ist das Geldbeutelwaschen am Aschermittwoch vor allem eines: eine Einladung, mit einem Lächeln nach vorne zu schauen – und darauf zu hoffen, dass sich der eigene Geldbeutel im Laufe des Jahres gut füllt.

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